SALZBURGER NACHRICHTEN

KULTUR

Samstag, 16. Jänner 1999

Fortschritt durch Rückschritt

"Vinyl Video", eine längst bekannte, jedoch
totgeglaubte Technik, eršffnet durch den großen "Qualitätsverlust" neue
Möglichkeiten zur Videogestaltung und für künstlerische Performances.

Von Wolfgang Richter

Analoge Nostalgie und digitaler Fortschritt gehen in einer Ausstellung in der Salzburger Galerie 5020 eine bizarre Verbindung ein. Im Diskurs über neue Medien, der einen Schwerpunkt im Programm darstellt, liefert "Vinyl Video" mit der erstmals gelungenen Speicherung von Videofilmen auf Langspielplatten einen eigenwilligen Beitrag. Was 1928 der schottische Erfinder John L. Baird erfolglos erprobt und was in den 70er Jahren Telefunken im Versuchsstadium (angesichts der auf den Markt kommenden Videorecorder) aufgegeben hat, eröffnet mit der Entwicklung von Gebhard Sengmüller neue Möglichkeiten .

Dem DeeJay folgt der VeeJay

Ein in Zusammenarbeit mit Günter Erhart und Martin Diamant entwickeltes Computerprogramm wandelt die Ton- und Bilddaten von Videos in ein Format um, das in Schallplatten gepreßt werden kann. So ist es möglich, diese mit einem normalen Plattenspieler über einen Rechner auf einem Bildschirm vorzuführen. Dazu ist eine extreme Reduktion der Daten notwendig. Bildwiederholungsrate und Auflšsung müssen stark verringert und auf Schwarzweiß beschränkt werden. Der Qualitätsverlust ist vergleichbar mit dem Unterschied zwischen UKW-Radio und Kurzwellenfunk . Das technisch-nostalgische Paradoxon hat aber auch eine fortschrittliche, medien- und kommunikationstheoretische Seite: Durch die Bildplatte kann der Betrachter Zeitabläufe verkürzen, indem er diese durch Umsetzen der Nadel des Plattenspielers einfach überspringt. Mit der Veränderung der Umdrehungszahl werden die Bilder manipulierbar. Was DeeJays bisher nur mit Audioaufnahmen bewerkstelligen konnten, können VeeJays jetzt auch mit echtem Videoscratching erproben. Eingriffe in die Umdrehungsgeschwindigkeit wirken sich auf die Bilder ebenso aus wie auf die Töne. Dieses Experimentierfeld gilt es nun künstlerisch zu nutzen. Bisher wurden zehn Künstlerinnen und Künstler eingeladen, Arbeiten für "Vinyl Video" zu realisieren und den Gestaltungsspielraum der niedrigen Bildauflösung zu nutzen. Die Ergebnisse können die Erwartungen jedoch noch kaum einlösen. Die meisten wirken wie Überspielungen in das neue Medium, die durch die geringe Auflösung einen Effekt der Verfremdung hervorrufen. Wenn die Vision einer Live-Bildmischtechnik mit Performance-Charakter, wie sie Gebhard Sengmüller vorschwebt, Wirklichkeit wird, kann "Vinyl Video" jedoch durchaus zu einem avantgardistischen Medienereignis werden. (Bis 30. Jänner in der Galerie 5020)